Diagnostisches Vorgehen

Die Entscheidung, welche Förderung ein Kind erhält und wie lange diese erfolgt, basiert u. a. auf der Grundlage von Ergebnissen unterschiedlicher Messverfahren. Alle relevanten diagnostischen Verfahren werden hinsichtlich ihres zeitlichen Einsatzes, ihrer inhaltlichen Zielstellungen und Anleitungen auf dem Server „Lernfortschrittsdokumentation-MV“ (www.lernfortschrittsdokumentation.de) aufgeführt. Dazu zählen Screeningverfahren und CBM, die einen Vergleich mit einer Norm ermöglichen. Zur datenbasierten Förderentscheidung fließen zudem Arbeitsproben aus dem Unterricht und Unterrichtsbeobachtungen ein. Alle Informationen zum Kind werden in Fallbesprechungen durch die mit der Förderung betrauten Personen analysiert und interpretiert, um gemeinsam zu einer Förderentscheidung zu gelangen.

Screeningverfahren und qualitative Diagnostik

Im RIM werden standardisierte Verfahren zu Screeningzwecken zu unterschiedlichen Zeiten im Schuljahr, in der Regel zu zwei Messzeitpunkten, eingesetzt. In Klasse 1 bis 4 stehen hier zur Auswahl das Test- und Einschätzverfahren KEKS (May & Bennöhr, 2013) mit je zwei Messzeitpunkten im Jahr, für die zweite Klassenstufe alternativ die „Formative Erfassung der Lesefertigkeit“ und die „Formative Erfassung der Rechtschreibleistung“ (FE-L; FE-RS; Kuhlmann & Hartke, 2011) und ab Klasse 3 das „Salzburger Lese-Screening für die Klassenstufen 1-4“ (SLS; Mayringer & Wimmer, 2008). In den Klassen 3 und 4 werden der „Leseverständnistest für Erst- bis Sechstklässler“ (ELFE 1-6) von Lenhard und Schneider (2006) sowie die „Hamburger Schreib-Probe“ (HSP; May, 2001) übergreifend eingesetzt.

Die Leistungen von Kindern, die im Screening einen festgelegten Wert (Cut-off-Wert) nicht erreichen, werden durch weitere diagnostische Verfahren genauer eingeschätzt (qualitative Diagnostik), um die benötigte zusätzliche Förderung darauf abstimmen zu können. Als qualitative Diagnoseverfahren kommen im RIM die sog. Navigationssysteme (Diehl & Langer, 2013; Diehl, Langer & Strauß, 2013) zum Einsatz. Diese liegen für den Bereich Deutsch sowohl für das Lesen als auch für die Rechtschreibung vor.

Lernfortschrittsdokumentation durch CBM

In allen Klassenstufen erfolgt auf der Förderebene I monatlich der Einsatz von CBM. Im RIM werden sowohl an der Universität Rostock entwickelte CBM auf unterschiedlichen Niveaustufen als auch bereits standardisierte Verfahren zur Lernverlaufsmessung verwendet. Die Buchstaben- und Wortauswahl für die Niveaustufen der CBM im RIM lehnt sich an die Konzeption des Kieler Lese- bzw. Rechtschreibaufbaus (Dummer-Smoch & Hackethal, 2001, 2002) an. Der über einige Messungen dargestellte Entwicklungsgraph bildet die Lernentwicklung des Kindes in diesem Lernbereich ab. Durch die wiederholten kurzen Messungen mit den CBM können Lernrückstände leicht erkannt werden. Zudem bekommt die Lehrkraft eine Rückmeldung, ob die gewählten Fördermaßnahmen für die Kinder passend sind. Zeigt sich im Entwicklungsgraphen kein Lernfortschritt, müssen die Maßnahmen ggf. intensiviert oder verändert werden. Auf Förderebene II erfolgen diese Messungen wöchentlich bis zweiwöchentlich. Je nach Leistungsentwicklung der Kinder können auch CBM vorheriger Niveaustufen eingesetzt werden.

So wird systematisch die Reaktion des Kindes auf die Fördermaßnahmen überprüft, um die Förderung optimal anpassen zu können.

Übersicht Verfahren

In der nachfolgenden Tabelle werden die genannten Verfahren für die Klassenstufen im Überblick dargestellt. In der zweiten Spalte sind die im Evaluationsjahrgang eingesetzten Verfahren aufgelistet. In der dritten Spalte finden sich die modifizierten Empfehlungen diagnostischer Verfahren für Folgejahrgänge und in der vierten Spalte Alternativempfehlungen (auch bei Hinweisen auf Risiken).

Diagnostische Verfahren im RIM Klasse 1-4

Erläuterungen: MÜSC– Münsteraner Screening; IEL-1 – Inventar zur Erfassung der Lesekompetenzen von Erstklässlern; CBM – Curriculumbasierte Messverfahren, FE-l – Formative Evaluation Lesen; FE-RS – Formative Evaluation Rechtschreiben; LDL – Lernfortschritt

KlasseLese- und Rechtschreibverfahren im Modellprojekt eingesetztModifizierung für FolgejahrgängeAlternativ und bei Hinweisen auf Risiken
1MÜSC, IEL-1, CBMKEKS, CBMMÜSC, IEL-1, Navi-Le, Navi RS
2IEL-1, FE-L, FE-RS, LDL, CBM KEKS, LDL, CBMIEL-1, Navi-Le, Navi RS
3HSP 3, ELFE 1-6, LDL, VSL, SLS 1-4, CBM KEKS, HSP 3, LDL, VSL, CBMNavi-Le, Navi RS
4HSP 4/5, ELFE 1-6, VSL, CBMKEKS, HSP, VSL, CBM ELFE 1-6, Navi-Le, Navi RS

Literatur

Breitenbach, E. & Weiland, K. (2010). Förderung bei Lese-Rechtschreibschwäche. Stuttgart: Kohlhammer.

Dilling, H., Mombour, W. & Schmidt, M.H. (2007). Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel 5 (F). Klinisch diagnostische Leitlinien. Bern: Huber.

Grimm, T. (2011). Genetik der Legasthenie. Sprache Stimme Gehör. Zeitschrift für Kommunikationsstörungen, 2 (35), 91-97.

Klicpera, C. & Gasteiger-Klicpera, B. (2001). Macht Intelligenz einen Unterschied? Rechtschreiben und phonologische Fertigkeiten bei diskrepanten und nichtdiskrepanten Lese/Rechtschreibschwierigkeiten. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 29, 37-49.

Klicpera, C., Schabmann, A. & Gasteiger-Klicpera, B. (2003). Legasthenie. Modelle, Diagnose, Therapie und Förderung. München: Reinhardt.

PISA-Konsortium Deutschland (2001). PISA 2000: Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske + Budrich.

Schulte-Körne, G. (2002). Legasthenie. Zum aktuellen Stand der Ursachenforschung, der diagnostischen Methoden und der Förderkonzepte. Bochum: Winkler.

Suchodoletz, W. von (2008). Sprech- und Sprachstörungen. In F. Petermann (Hrsg.), Lehrbuch der klinischen Kinderpsychologie (6. Aufl., S. 223-237). Göttingen: Hogrefe.